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Meditation - Ein Schuhregal – viele Fächer !?

Stellen Sie sich ein Schuhregal mit viel Platz und verschiedenen Ebenen vor. Dort stehen alle Schuhe und die Schuhe sind sehr verschieden: Wanderschuhe, Sandalen, Halbschuhe, Schuhe mit und ohne Absätzen, Hausschuhe, … .  Selbst Schuhe, die zu einem Bereich gehören können sehr unterschiedlich sein. Da gibt es Hausschuhe als Clogs, als Flip-Flops, als Fellschuhe oder Filzpantoffeln.

Dieses Bild soll helfen Meditation zu verstehen. Meditation, Kontemplation, schweigendes Gebet, Zen stehen für mich in einem Regal, sie gehören zusammen und unterscheiden sich doch – zum Teil gravierend, genauso wie Wanderschuhe und hohe Absatzschuhe sich unterscheiden. An diese Beispiel wird deutlich, dass Schuhe verschiedene Aufgaben und Funktionen haben. Alle haben ihren Wert und ihre Bedeutung, aber sie sind anders. Genau wie die verschiedenen Wege der Meditation.


Was ist Meditation?

Meditation bezeichnet ursprünglich das Nachdenken  und  Nachsinnen über einen biblischen Text. In diesem Zusammenhang wird ein biblischer Text mit allen Sinnen, also mit dem Verstand, den Gefühlen und auch körperbezogen „im Herzen bewegt“. Er wird nicht analysiert, sondern der Meditierende liefert sich dem Text aus und der Text wirkt in ihm. Dieses innere Durchkauen eines Textes nennt man auch ruminatio, d.h. wiederkäuen. Es geht darum zu erfahren, welchen Sinn das Wort der Text für mich jetzt hat. Diese Meditationsform wäre in unserem Beispiel von den Schuhen ein besonderes Exemplar.

Ich verwende das Wort Meditation (nicht nur in meinen Büchern) nicht primär in diesem ursprünglichen Sinn, sondern benutze das Wort Meditation als Oberbegriff für alle Formen der Meditation und Kontemplation. Dadurch trage ich der umgangssprachlichen Benutzung des Wortes Meditation Rechnung, benutze es also wie das Wort „Schuhe“ als Oberbegriff.

Was heißt nun Kontemplation?

Kontemplation wird von dem lateinischen contemplatio abgeleitet und bedeutet Betrachtung und Anschauung. Erst spät wird dieses Wort als Versenkung in sich selbst und in Gott verstanden. Dies beinhaltet einen zeitweisen Rückzug auf sich selbst.

Neben dieser Ableitung wird Kontemplation gerne als ein Zusammenkommen (con-) im inneren Tempel (-templare) übersetzt. Diese Beschreibung trägt der Erfahrung Rechnung, dass der Mensch in der Kontemplation in sich präsent und gesammelt ist.

 

Zur Kontemplation gehört wesensmäßig Stille und Schweigen. Das Herzensgebet ist nicht nur ein Meditationsweg, sondern letztlich eine Übung der Kontemplation: Der Mensch zieht sich zurück - auf sich selbst. In Stille und Schweigen spricht er inwendig sein Wort, er ist  präsent und gesammelt. Er „versenkt“ sich in sich selbst und in die göttliche Wirklichkeit.

Es gibt im „Schuhfach “ Kontemplation nun ganze unterschiedliche „Schuhe“, also Übungswege; ein Schuh in diesem Fach ist das Herzensgebet und eine Sonderausgabe das „Jesusgebet“.

Ist Kontemplation und Meditation ein Gebet?

Sowie Gebet umgangssprachlich verstanden wird - als ein Reden und Sprechen mit und zu Gott -, ist es ungewöhnlich in der Kontemplation von Gebet zu sprechen. Ich möchte es aber dennoch tun, denn der Begriff Beten und Gebet ist mir heute zu eingeengt. Allein schon die  Kommunikation unter Menschen besteht nicht nur in Reden und Sprechen, dies wäre für jede Beziehung eine Katastrophe. Wenn der Mensch zur göttlichen Wirklichkeit eine Beziehung haben will, kann und sollte er im umfassenden Sinne mit dieser göttlichen Wirklichkeit kommunizieren. Dieser auch nichtverbale Teil des Betens wird oft vernachlässigt,  obwohl er wichtiger ist, als viele Worte.  Jesus sagt in der Bergpredigt: „Macht nicht viele Worte, wenn ihr betet“. Für mich besitzt Beten aber noch eine andere Dimension. Gerade das schweigende Gebet - wie das Herzensgebet - ist für mich nichts anderes als eine grundsätzliche Erfahrung der Geborgenheit in Gott. Ja, das Herzensgebet ist paradox: inwendig wird ein geistliches Wort gesprochen oder spricht sich selbst und gleichzeitig wird dieses Gebet  - trotz des Herzenswortes - als ein tiefes Schweigen in der Stille der Meditation erfahren.

Für mich gehören Kontemplation und schweigendes Gebet  zusammen. Das Herzensgebet ist mit Sicherheit beides, mal überwiegt bei meiner alltäglichen Übung der Aspekt der Kontemplation, mal das schweigende oder wortbezogene Gebet. Es ist ähnlich wie bei einer alten Waage mit zwei Schalen, beide Seiten sind wertvoll und notwendig und können nicht gegeneinander ausgespielt werden.

 

Text überarbeitet aus: Rüdiger Maschwitz, Das Herzensgebet - die Fülle des Lebens entdecken, Kösel 2015

 

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